
Alt Tucheband/Rathstock. Jede Woche treffen sich die neun Mitglieder der BRH-Rettungshundestaffel dreimal(!), um mit ihren Vierbeinern zu trainieren. Ihr Ziel ist es, durch ihre Arbeit, die komplett ehrenamtlich erfolgt, Menschen in Not Hilfe zu leisten. Sie eint zudem die Liebe zu ihren Vierbeinern, denen die ihnen gestellten Aufgaben bei allem Ernst Freude machen sollen.
Es sieht wenig einladend aus auf dem Gelände des einstigen Tierkomplexes am Ortsrand von Rathstock. Die Ställe sind leer. Vieles ist eingefallen, das Kraut steht meterhoch. “Solch ein Gelände passt genau in unser Ausbildungsprogramm”, sieht es Silvana Siebke, die Vorsitzende des Vereins, der sich im Februar gegründet hat. “Wir sind dankbar, dass der Golzower Landwirtschaftschef Dr. Großkopf uns gestattet hat, hier zu trainieren.”
Die Vierbeiner sind alle noch in den Autos. Doch sie wissen, es geht gleich los und wuseln hinter den Scheiben bereits aufgeregt hin und her. Enrico Siebke, der Sohn der Vereinschefin, gibt die Trainingsaufgabe bekannt. Er ist geprüfter Ausbilder für den Teil “Suche”. Zunächst wird die Kurzsuche absolviert. Mitglieder der Gruppe stellen sich etwa 40 Meter weiter weg. Der Hund soll sie suchen und dann informieren. Die “Beller” tun das, in dem sie Laut geben und warten, bis Frauchen oder Herrchen kommt. Die “Freimelder” kommen zurück und führen zum Gesuchten hin.
Nach der Einstimmung wird es schwerer. Enrico “versteckt” die angenommenen Opfer in dem weitläufigen Gelände. Nacheinander müssen alle Hunde zeigen, was sie bereits gelernt haben. Einstein, der große Bobtail, stürmt schnurstraks in die richtige Richtung. Er ist ein Freimelder, kommt zurück. Frauchen Manuela Kuckelkorn muss sich in Positur stellen, um den Freudensprung, mit dem ihr Einstein die erfolgreiche Suche meldet, abzufangen. Die Hundeführer staunen selbst immer wieder über das Geschick der Tiere. Obwohl schon viele Gerüche über dem Areal liegen und sie auch ganz bewusst in andere Richtungen geschickt werden, kommen alle binnen weniger Sekunden auf die richtige Fährte und finden ihr “Opfer”. Das kann im Ernstfall ein Verschütteter, ein herumirrendes Kind oder eine verwirrte Person sein. Gerade für Letztere zieht die Polizei bei Suchaktionen gern Hundestaffeln zu Rate. Die Polizei-Hunde haben meist eine andere Ausbildung.
Gut zwei Jahre dauert die Ausbildung als Rettungshundeführer, der die Begleithundeprüfung vorausgeht. Für die erste Prüfungsstufe muss ein Hund in einem Areal von 15 000 bis 20 000 Quadratmetern binnen 20 Minuten zwei vermisste Personen finden. Für die zweithöhere Stufe erweitert sich das Suchfeld auf 35 000 Quadratmeter, in dem binnen 20 Minuten fünf Personen zu finden sind. Wie im Training wird es auch im Ernstfall nach jedem Sucherfolg eine Belohnung für die Vierbeiner geben.
“Für die Tiere soll es kein Stress sein. Es muss ihnen Spaß machen”, betont Doreen Brose, die stellvertretende Vereinschefin. Sie führt den kleinsten Hund, einen Beagle. Der marschiert deutlich bedächtiger und abgeklärter als seine “Kollegen” durchs Gelände. Er ist einer von der ruhigen Sorte, aber nicht minder zuverlässig. Zur Belohnung lockt vor allem das, was es sonst nicht gibt wie etwa Jagdwurst, Entenherz, Käsestücken oder ein Spielzeug. “Jeder Hund ist anders”, erklärt Karin Baganz, die in der Truppe die Ausbildung “Gehorsam” durchführt. Man müsse sich einstellen und es dürfe keinen Drill geben. Trainiert wird auch die Gewandtheit oder die Arbeit unter ungewöhnlichen Bedingungen wie etwa Lärm.
Als erstes mussten z.B. alle Hunde lernen, dass sie eine so genannte Decke, auf der der Schriftzug “Rettungshund” prangt, tragen müssen. Und dass daran auch noch zwei Glöckchen hängen. Die signalisieren dem Hundeführer, wo sein Tier ist. Das ist nicht nur in solch zugewachsenem Gelände, wie in Rathstock, wichtig. “Wir trainieren auch im Wald”, erklärt Karin Baganz. “Die Jäger wissen, dass sie solche Hunde nicht schießen dürfen.” Es sei wichtig, das Areal immer wieder zu wechseln. Die kleine Truppe ist deshalb froh, dass sie neben der Golzower Landwirtschaft GmbH weitere Partner gefunden hat, die ihnen kostenfrei Trainingsgelände überlassen. Dazu gehört Flugplatzchef Dieter Vornhagen, Karl Schumann aus Alt Zeschdorf, Bernd Miodecki in Schönfließ, Mario Damm in Lebus, Gerhard Schielke in Gusow, Wilfried Schulz in Alt Tucheband und Familie Engelhardt in Gusow.
“Wir finanzieren uns komplett selbst, einschließlich unserer einheitlichen Bekleidung”, macht Silvana Siebke deutlich. “Ohne solch Entgegenkommen und ohne die eine oder andere Spende könnten wir nicht bestehen.” Beim Fest zum 110-jährigen Bestehen der Golzower Feuerwehr wird sich die Gruppe mit einer Vorführung präsentieren (5. August, gegen 16 Uhr). Genehmigt ist bereits eine kleine Spendensammlung im Anschluss an die Vorführung. Denn noch bleibt einiges zu tun, um alle Prüfungen zu absolvieren und im Ernstfall zur Stelle zu sein. Wer die Gruppe und die Freude erlebt, mit der Zwei- und Vierbeiner bei der Sache sind, hat keinen Zweifel, dass hier zuverlässige Helfer “heranwachsen”.
l Eine Rettungshundestaffel ist eine Einheit des Katastrophenschutzes, die auf die Suche von Personen mittels ausgebildeter Rettungshunde spezialisiert ist.
l Rettungshundestaffeln verschiedener Organisationen sind unterschiedlich organisiert. Gemeinsam haben alle Staffeln, dass sie aus Rettungshundeteams bestehen.
l Als Rettungshund (auch Suchhund) wird ein speziell ausgebildeter Haushund bezeichnet, der eine Rettungshundeprüfung erfolgreich absolviert hat. Diese Prüfung setzt in der Regel eine ebenfalls erfolgreich abgeschlossene Begleithundeprüfung voraus.
l Ein Rettungshund arbeitet immer mit seinem Hundeführer (dem Rettungshundeführer, RHF) zusammen im Team (das Rettungshundeteam, RHT).
l Seit 1954 wurden Hunde für die Trümmersuche ausgebildet. Die Teams waren im erweiterten Katastrophenschutz eingebunden. 1973 wurde die Rettungshundeausbildung eingestellt, vor allem aus finanziellen Gründen.
l In der Folge gründeten sich regionale Einzelgruppen und Verbände. 1983 wurde der Verband für das Rettungshundewesen Baden-Württemberg durch entsprechende Satzungsänderung zum Bundesverband für das Rettungshundewesen (BRH) erweitert.
l Der BRH ist heute die größte Rettungshundeorganisation Deutschlands. Er bildet auch Teams für Auslandseinsätze (z.B. bei der Suche in Erdbebengebieten) aus.
BRH Märkisch-Oderland, Staffel 63, Silvana Siebke, Alt Tucheband, Telefon 033472/58894, E-Mail: s-siebke@t-online.de
von Doris Steinkraus
Freitag, 14. Juli 2006
http://www.moz.de/index.php/Moz/Article/category/Seelow/id/146617




