kuh-unter-hirschen

06.02.09. Irschenberg – Diese ungewöhnliche Geschichte könnte – zeitversetzt – Friedrich von Schiller zu dem Dichterwort inspiriert haben: „Auf den Bergen wohnt die Freiheit“. Dieses Bild aus einem Video, das Jäger Thomas Esterl gefilmt hat, beweist es: Die Jungkuh, die Ende Dezember vor einer Metzgerei in Kreuth fliehen konnte, wurde zum Hirschen! Hier am Futtertrog auf dem Setzberg lebte sie wochenlang bei Minusgraden. Jetzt kommt sie ins Tierparadies: nach Gut Aiderbichl. Foto: Esterl

Die Jungkuh eines Bauern am Irschenberg reißt sich beim Entladen aus einem Viehtransporter vor einer Kreuther Metzgerei los. Sie flieht auf den Berg: Im Wallberg-Setzbergmassiv überlebt sie, Tag für Tag, bei minus 15 Grad. Sie wird zur Wildkuh – und setzt sich an einer Futterstelle gegen die Berghirsche durch.

kuh-unter-hirschen-2

Der Setzberg hoch über Kreuth gehört zum Staatsrevier des Berufsjägers Karl Wagner. Er spürt die Kalbin auf – in der Umgebung einer Rotwild-Futterstelle in etwa 1200 Meter Höhe. Die Steilhänge sind extrem vereist, und so stellt sich das Staunen über die Kalbin schon am ersten Tag ein: „Dass sie nicht abgestürzt ist, allein das grenzt schon an ein Wunder.“

Die Kalbin lässt sich nicht fangen, der Jäger weigert sich, sie abzuschießen – dies sei unvereinbar mit dem waidmännischen Ethos. Und so läuft in den folgenden drei Wochen ein Verhaltensritual ab, das Wildbiologen noch nie gesehen haben dürften: „Die Kalbin im Hirschwald“. Thomas Esterl, Wagners Vorgänger im Revier und leidenschaftlicher Tierfilmer, hat es auf Video dokumentiert: Die Kalbin ist zunächst scheu, sie beäugt die Hirsche und die Hirschkühe, die sich um die Winterfutterstelle Riedlerberg scharen – es ist Rotwild aus einem Einzugsgebiet, das sich bis zur Landesgrenze erstreckt.

Die Annäherung der Kuh an die Futterraufen der Berghirsche vollzieht sich buchstäblich Schritt um Schritt: Wenn die Kalbin ein paar Heubüschel gerupft hat, verschwindet sie wieder.Wo sie sich zum Wiederkäuen niederlegt und wo sie in den Frostnächten untersteht, weiß der Jäger noch nicht, er kennt nur die Wasserstelle: Ein zugefrorener Brunnen vor einer Holzknechthütte, wo die Kalbin in der Eisdecke ein kleines Loch zum Trinken aufbrach.

kuh-unter-hirschen-3

Schrittweise dominiert die Kalbin die Szenerie der Platzhirsche. Sie mischt sich zunächst unter das Rudel, steht dann mit dem Rotwild an den Futterraufen. Und eines Tages genügt vor den Heuballen ihr missmutiges Kopfschütteln, um die Hirsche auseinanderstieben zu lassen. Da stehen die „Geweihten“ des Waldes mit ihren Geweihstangen verblüfft vor einem hornlosen Jungrind, das sich über ihre Futtertöpfe hermacht. Beim Anblick eines mächtigen Sechzehnenders, der der Kalbin zuschaut, fliegt einen der Gedanke an: „Wenn der reden könnte, wäre er jetzt sprachlos!“

Der Jäger ist fasziniert, wie aus einem Stalltier vererbte Ur-Eigenschaften des Wildrindes hervortreten: Die Trittsicherheit im vereisten Gelände, die Kälteresistenz und die Sinneswahrnehmungen. Die Kalbin nimmt „wia a Wuidling“, mit erhobenen Nüstern, Witterung aus dem Wind auf – und sie hat Sinn für Humor: Bei Neumond steigt sie ins Tal ab, zieht zum Kreuther Forsthaus. hinterlegt dort einen Kuhfladen und kehrt in ihren Hirschwald zurück.Unten aber, an den Stammtischen im Tal, häufen sich die Fragen, was das „G’schiss mit dera Koim“ solle. Während andere nachdenken – über das Mitgeschöpf Tier, das auf den wenigen Metern vor der Metzgerei seinen Lebenswillen, all seine Instinkte für diesen Augenblick der Flucht mobilisierte. Es seien Gedanken, die man eigentlich nur als Vegetarier konsequent zu Ende denken dürfe, sagt Karl Wagner.

Mit ihnen kam die Idee: Gut Aiderbichl, der Gnadenhof der besonderen Art. Ein Netzwerk von Kontakten, sogar über das herzogliche Haus, über Herzogin Anna in Bayern, macht es möglich: Die „Kalbin aus dem Hirschwald“ wird in Gut Aiderbichl Bayern aufgenommen.Die Jäger haben die Zusage von Michael Aufhauser, der Irschenberger Bauer stimmte zu, und so war es nur noch Formsache, dass der Bezirkstierarzt Raimund Hartinger mit dem Narkosegewehr und einem „Rambon“-Schuss die Kalbin ruhigstellte – für die Reise ins zweite Leben.

kuh-unter-hirschen-4

Quelle: tz

http://www.tz-online.de/de/aktuelles/bayern/artikel_58289.html

Share