Borgentreich. Vor 205 Jahren wurde der letzte Wolf in Ostwestfallen gesichtet – bis vor kurzem. In Ostwestfalen wurden jetzt Fellspuren neben einem gerissenen Schaf gefunden. Eine Expertin berichtet über die besondere Beziehung zwischen Wolf und Mensch.

Es geschah im Jahr 1804, als Pfarrer Philip Blömeke während des Sonntagsspaziergangs seinen Au­gen nicht traute: ein Wolf im Kartoffelacker. Der gute Mann eilte nach Hause, holte seine Flinte und brannte Isegrim eins auf den Pelz. Der Wolf war tot. Der letzte Wolf in Ostwestfalen für 205 Jahre. Jetzt die Rückkehr. An einem Zaun neben einem gerissenen Schaf wurden Fellspuren gefunden. Aus dem Labor kam die Ge­wissheit. Vermutlich hat sich Reinhard, ein Jungwolf aus Hessen, zur Stippvisite über die Grenze nach NRW ge­macht. Und jetzt? Ein Interview mit Wolfsexpertin Elli H. Radinger.

Der böse Wolf, der die Geißlein frisst und die Häuser umpustet. Sitzt uns stets „Rotkäppchen“ im Nacken?

Elli H. Radinger: Es kommt drauf an, in welchem Kulturkreis wir aufgewachsen sind. Viele europäische Kinder haben das „Rotkäppchen-Syndrom“, während beispielsweise bei den meisten Indianerstämmen die Kinder mit einem ganz anderen – positiven – Wolfsbild aufwachsen.

Irritiert vielleicht auch die Tatsache, dass uns der Wolf ähnlich ist?

Radinger: Der Wolf weckt immer ambivalente Gefühle in uns. Wir lieben oder wir hassen ihn. Wir hassen ihn, weil er ein (vermeintlicher) Nahrungskonkurrent ist oder war, und wir lieben ihn, weil er uns in seinem Sozialleben so ähnlich ist. Wölfe sind liebevolle Familienmitglieder und fürsorgliche Eltern und wären darum oft die „besseren Menschen“. Und gerade weil wir den Wolf so bewundern, haben wir ihn domestiziert und als Hund zu uns ins Haus geholt.

Wie gefährlich ist ein Wolf für den Menschen? Gibt es Zahlen über Angriffe?

Radinger: Wölfe meiden den Menschen unter allen Umständen. Die wenigen Fälle, in denen ein wilder Wolf einen Menschen angegriffen hat, sind überwiegend darauf zurückzuführen, dass Wölfe von Menschen gefüttert worden sind. Die Tollwut, die in der Vergangenheit zu Problemen geführt hat, ist zum Glück in Europa ausgerottet.

Die Besitzer von Haus- oder Nutztieren werden den Gedanken nicht mögen, wenn ein Wolf durchs nahe Dickicht trabt. Was jagt der Wolf, wen frisst er gern?

Radinger: Europäische Wölfe ernähren sich überwiegend von Huftieren (Rotwild, Rehwild, Wildschweine). Aber als echter Opportunist frisst ein Wolf auch einmal ein Schaf, wenn es ihm leicht gemacht wird. Kühe und Pferde — mit Ausnahme von Jungtieren – sind kaum in Gefahr. Sie anzugreifen wäre ein zu großes Verletzungsrisiko für den Wolf. Das bedeutet für Nutztierhalter in Wolfsgebieten, dass sie ihre Viehbewirtschaftung ändern und Schutzmaßnahmen einführen müssen: Elektrozäune, Einsperren in der Nacht oder Hirten bei den Tieren. Finanziell werden sie hierbei meist von den Landesregierungen im Rahmen eines Wolfmanagementplans unterstützt.

Wie wäre ein Zusammenleben zwischen Wölfen und Menschen denkbar?

Radinger: Wir können ohne Probleme mit Wölfen in der Nähe zusammenleben. Dies zeigen zahlreiche Beispiele von der Lausitz bis zu den über 400 italienischen Wölfen, die rund um Rom leben. Wölfe brauchen noch nicht einmal große, zusammenhängende Wildnisgebiete. Wir müssen sie einfach nur in Ruhe lassen. Das gibt ihnen genügend Raum, sich vor uns zurückzuziehen. Spaziergänger können weiterhin mit ihren Kindern in „Wolfswäldern“ spazieren gehen, und auch Jogger sollte das nicht davon abhalten, ihre Runden zu drehen. Hundebesitzern empfehle ich, in Wolfsgebieten ihre Tiere an der Leine zu führen. NRZ

Quelle: http://www.derwesten.de/nachrichten/im-westen/Der-Wolf-ist-nach-Ostwestfalen-zurueckgekehrt-id2702028.html

09.03.2010, Matthias Maruhn

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