VERWAHRLOSUNG: Verfehlte Tierliebe – Krankhaftes Tiersammeln wird zunehmend zum Problem
POTSDAM - Irgendwann entgleitet es. Früher oder später. Katja Lagansky sagt, das sei ein schleichender Prozess. „Der Hoarder igelt sich ein, verwehrt anderen den Zutritt. Die Tiere besetzen sämtliche Wohnbereiche, die Küche, das Schlafzimmer. Irgendwann lebt der Hoarder mit toten Tieren und nimmt das gar nicht mehr wahr. Das ist ein kompletter Realitätsverlust.“
Animal Hoarding heißt das Phänomen, das Katja Lagansky so drastisch beschreibt. Die 33-Jährige betreibt ehrenamtlich „Das Tierhausi“ in Neu Plötzin (Potsdam-Mittelmark). In der Kleintierpflegestation warten derzeit noch 20 Farbratten auf ihre Vermittlung – Tiere, die Lagansky gemeinsam mit ihrem Partner Mario Keller und anderen Tierschützern im Frühjahr aus einer Dachwohnung in Hohenbruch (Oberhavel) geholt hat. Lagansky spricht vom „120er-Fall“: Mit 120 Ratten hatte der Mann dort gehaust, die Exkremente der Tiere und anderer Müll lagen knöcheltief in der völlig verwahrlosten Dachstube. „Eine Wohnung war das eigentlich nicht mehr“, sagt Lagansky.
Die Rattenkolonie unterm Gebälk war durch Zufall ans Licht gekommen. Der Mann lebte ohne Heizung, hatte versucht, mit Kot zu heizen und sich dabei selbst verbrannt. Im Krankenhaus erzählte er von seinen Tieren, die versorgt werden müssten. Dass es 120 Ratten waren, hatte keiner geahnt.
Wegen ihrer Sammelwut, die irgendwann entgleitet, werden Animal Hoarder auch Tiermessies genannt. „Meist sind es Menschen, die sich für Tierfreunde halten“, sagt Lagansky, die eigentlich als Altenpflegerin arbeitet. Immer häufiger wird sie zu Wohnungen und zu Höfen gerufen, um sich um die Folgen vermeintlicher Tierliebe zu kümmern. Massiv hätten die Fälle zugenommen in den vergangenen Jahren, sagt sie. „Was in den Medien landet, ist nur die Spitze des Eisbergs.“
In den Medien landete auch der Fall von Gisela Voß. Bereits 2002 sorgten die umstrittenen Zustände auf ihrem „Gnadenhof“ in Liebenwalde (Oberhavel) für Schlagzeilen in der MAZ. Wie viele Tiere die Rentnerin in Obhut genommen hatte, konnte sie selbst nicht sagen. Sie hatte längst den Überblick verloren. Die Kastration der Tiere lehnte Gisela Voß mit dem Hinweis ab, die Hunde würden dadurch „dick, doof und gefräßig“. Der Amtstierarzt schritt nicht ein. Immer wieder aber brachen Hunde aus, rissen Schafe, Ziegen. Im Sommer 2006 wurde der Hof schließlich geräumt. 231 Hunde, teils schwer krank, viele trächtig, hatten zwischen Tierkadavern, Kot und in Erdlöchern gehaust.
„Viele Veterinäre schauen weg, weil ab einer bestimmten Tierzahl die Behörden dichtmachen“, sagt Ursula Bauer, Animal-Hoarding-Expertin bei Aktion Tier. Sie spricht von Druck, der auf die Ärzte ausgeübt werde, weil die Kommunen und Kreise auf den Kosten einer Tierrettungsaktion sitzen bleiben. Schließlich müssen mit einem Schlag teils mehrere hundert Tiere untergebracht werden.
Wegschauen aus Kostengründen – das vermutet Bauer auch bei dem jüngsten Fall von Animal Hoarding in Brandenburg. Die Zustände des Tierhofes bei Grünow (Uckermark), auf dem sich bis zu 250 Tiere tummelten, seien den Behörden seit Jahren bekannt gewesen, klagt Bauer, die deswegen kürzlich Strafanzeige wegen Unterlassung gestellt hat.
Klaus Reimer, der Landestierarzt von Brandenburg, nimmt seine Kollegen in Schutz. Die Veterinäre würden laufend fortgebildet, wüssten, wie mit dem Phänomen Animal Hoarding umzugehen sei. „Sie haben die entsprechende Ausbildung und können vor Ort entscheiden“, sagt er. Die Forderung der Tierschützer, bei Animal Hoardern radikal durchzugreifen und ein Haltungsverbot auszusprechen, sieht er kritisch. „Die Tiere sind schließlich oft der einzige Halt, den diese Menschen haben.“
Auch Reimer beobachtet eine Zunahme von Tiermessie-Fällen. Das hänge wohl damit zusammen, „dass der Tierschutzgedanke breiteren Raum einnimmt“, sagt er. Oft seien die Betroffenen fanatische Tierschützer. „Man muss sich aber fragen, ob die soziale Kälte, die entstanden ist, durch Streicheltiere ausgeglichen werden soll.“
Ursula Bauer hält dagegen: „Man darf da keine faulen Kompromisse eingehen.“ Wenn man den Sammlern aus Mitleid ein paar Tiere lässt, sei das nur die „Keimzelle für ein neues Drama“. Wegnehmen allein bringt aber nichts, sind sich Bauer und Lagansky einig. „Die Rückfallquote beträgt 100 Prozent“, meint Lagansky. Solange die Betroffenen nicht psychologisch betreut würden, beginne die Sammelwut bald wieder von vorne.
„Tiersammler sind sich ihres Problems nicht bewusst“, sagt Ursula Bauer. Ein Problem sah auch der Vogelfreund von Berlin-Spandau nicht. Der Frührentner, der sich seine 60-Quadratmeterwohnung mit 1728 Wellensittichen teilte, hielt seine „Wohnungsvoliere“ für artgerecht. An Vogelkot und Federn, die allmählich den Teppich verschwinden ließen, störte er sich nicht. Bauer hat den Fall, der vor knapp einem Jahr für viel Aufsehen sorgte, mitbetreut. Ohne Tiere könne er nicht leben, hatte der Mann beteuert. Doch die Vögel kamen ins Heim. Als Ursula Bauer den Sittichfreund später besuchte, habe er befreit gewirkt. „Er hat regelrecht aufgeatmet“, sagt sie. „Er hatte renoviert, wollte sich einen Job suchen.“
Inzwischen ist der Mann unbekannt verzogen. Ursula Bauer schwant Böses. (Von Torsten Gellner)
Animal Hoarding – Wenn Tierliebe zur Obsession wird
Die Forschung zum Phänomen Animal Hoarding (engl.: Tierhorten) unterscheidet vier Sammler-Typen: Der Pfleger kümmert sich anfangs aufopferungsvoll. Weil er nicht nach Geschlecht trennt, vermehren sich seine „Pflegefälle“ unkontrolliert. Der Retter sieht die Aufnahme von Tieren als Berufung. Er ist überzeugt, dass es die Tiere nur bei ihm gut haben. Der Ausbeuter schafft sich die Tiere ausschließlich aus eigennützigen Zwecken an. Der Züchter sammelt Tiere für Ausstellungen und zum Verkauf, verliert aber bald den Überblick über den Tierbestand. Hunde und Katzen werden am häufigsten gesammelt. Drei Viertel der Tierhorter sind Frauen. Oft sind die Sammler sozial isoliert und ihnen fehlt die Einsicht in ihr Problem. Ohne Langzeittherapie liegt die Rückfallquote laut amerikanischen Forschern bei fast 100 Prozent. Nimmt man ihnen ihre Tiere ab, ziehen die Horter oft um und beginnen erneut mit dem Horten.
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung v. 23.09.09
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11613715/62249/Krankhaftes-Tiersammeln-wird-zunehmend-zum-Problem-Verfehlte-Tierliebe.html




